BUND Landesverband Brandenburg

„Jährlich ein Prozent von der Mischkanalisation abkoppeln“

24. August 2020 | BUNDzeit, Flüsse & Gewässer

Grit Diesing und Hanna Krüger von der Berliner Regenwasseragentur über den neuen Umgang mit Regenwasser in Berlin, Gründächer und Vorteile für Hausbesitzer*innen

Grit Diesing (rechts) ist studierte Stadtplanerin und Hanna Krüger studierte Geografin. Beide arbeiten seit Gründung im Mai 2018 bei der Berliner Regenwasseragentur. Foto: Benjamin Pritzkuleit

BUNDzeit: Was macht die Regenwasseragentur und warum?

Hanna Krüger: Zu den Zielen Berlins gehört es, dass weniger Regenwasser in die Kanalisation eingeleitet und stattdessen vor Ort verdunstet, versickert, zwischengespeichert oder genutzt wird. Dadurch werden vor allem die Mischwasserkanalisation entlastet und somit unsere Gewässer merklich sauberer. Auch Überflutungsrisiken bei Starkregen lassen sich so reduzieren. Vor Ort bewirtschaftetes Regenwasser hilft zudem, das Stadtgrün zu versorgen und den städtischen Raum durch Verdunstung zu kühlen.

Grit Diesing: Um das zu erreichen, sensibilisieren, beraten und befähigen wir die Berliner*innen, entsprechende Maßnahmen umzusetzen. Auf unserer Website zeigen wir Praxisbeispiele sowie Fördermöglichkeiten und informieren, was es rechtlich und bei der Suche nach Fachleuten zu beachten gilt. Wir begleiten Planungsprozesse, zum Beispiel von Bezirks- und Senatsvorhaben, um das Thema dort frühzeitig zu integrieren.

BUNDzeit: Gibt es quantifizierbare Ziele in Bezug auf die Regenwasserbewirtschaftung in Berlin?

Hanna Krüger: Die Berliner Landesregierung hat 2017 beschlossen, dass das Regenwasser in allen neuen Wohnquartieren dezentral bewirtschaftet werden soll. Außerdem soll jährlich ein Prozent der an die Mischwasserkanalisation angeschlossenen Flächen abgekoppelt werden.

BUNDzeit: Wie ist der Stand der Abkopplung in Berlin?

Hanna Krüger: In den letzten Jahren wurden tendenziell noch mehr Flächen neu an die Kanalisation angeschlossen als abgekoppelt, da wir einen Bevölkerungszuwachs und eine rege Bautätigkeit haben.

BUNDzeit: Darf überhaupt noch ohne Regenwasserbewirtschaftung gebaut werden?

Grit Diesing: Wir haben keinen vollständigen Überblick, ob das Thema flächendeckend in Planung und Bau berücksichtigt wird. Bei den größeren neuen Stadtquartieren wird es schon frühzeitig in der Planung mitgedacht, zum Beispiel bei städtebaulichen oder landschaftsplanerischen Wettbewerben beziehungsweise im Zuge der Rahmenplanung. Immer mehr Bebauungspläne enthalten Festsetzungen zu Gründächern, Versickerungs- oder Retentionsflächen. Seit 2018 wird das Hinweisblatt zur „Begrenzung von Regenwassereinleitungen bei Bauvorhaben in Berlin“ (BReWa-BE) angewandt. Die BReWa-BE ist ein wichtiges Instrument, um Bauherren dazu zu bewegen, die Bewirtschaftung des Regenwassers vor Ort prüfen zu lassen. Nur wenn keine vollständige Bewirtschaftung möglich ist und es noch freie Kapazitäten in der anliegenden Kanalisation gibt, darf das Regenwasser im Einzelfall stark gedrosselt eingeleitet werden.

BUNDzeit: Gilt diese Vorgabe nur für private Bauten?

Grit Diesing: Die BReWa-BE greift sowohl auf privaten als auch öffentlichen Grundstücken wie Straßen und Plätzen. Und nicht nur im Neubau, sondern auch bei wesentlichen Änderungen im Bestand.

Hanna Krüger: Bei jeder Straße, die grundhaft saniert wird, wird geprüft, ob es Potenzial zur Abkopplung gibt. Früher wurde die Straße einfach neu gemacht und das Regenwasser lief weiterhin in die Kanalisation. Jetzt müssen sich die Planer*innen auch mit dem Platz an der Oberfläche der Straße auseinandersetzen, für den es neben der Regenwasserbewirtschaftung viele weitere Nutzungsansprüche gibt.

BUNDzeit: Wie sieht die Regenwasserbewirtschaftung bei Neubauquartieren im Regelfall aus?

Hanna Krüger: Typisch sind Maßnahmenkombinationen – beginnend mit der Bewirtschaftung auf dem Dach, mindestens mithilfe extensiver Begrünung. Viele aktuelle Planungen sehen zudem Retentionsdächer vor, die dank zusätzlicher Speicherräume unterhalb des Begrünungssubstrats größere Regenmengen zurückhalten. Der Rest kann über Mulden, Rigolen oder Tiefbeete versickert werden. Das Regenwasser lässt sich aber auch zur Speisung neu angelegter oder bestehender Gewässer mit Wasserdefizit und zur Bewässerung, Toilettenspülung oder Gebäudekühlung nutzen.

BUNDzeit: Können Gründächer in trockenen Sommern kontraproduktiv wirken, wenn mit Trinkwasser gegossen wird?

Grit Diesing: Eine Extensivbegrünung mit widerstandsfähigen Sedumpflanzen, Kräutern und Gräsern übersteht trockene Sommer in der Regel ohne zusätzliche Bewässerung. Wer sich für einen Dachgarten entscheidet, sollte eine zusätzliche Bewässerung mit Regenwasser, Trinkwasser oder aufbereitetem Grauwasser bereits in der Planung mitdenken.

BUNDzeit: Mit welchen Niederschlagsmengen werden begrünte Dächer fertig?

Grit Diesing: Extensivbegrünungen speichern etwa 40 bis 70 Prozent des jährlichen Regens zwischen. Retentionsdächer können laut Herstellern sogar mehr als 90 Prozent des Spitzenabflusses zurückhalten, also Größenordnungen von 80 bis 100 Liter pro Quadratmeter.

BUNDzeit: In den Innenstadtbezirken sieht man selten Gründächer und so gut wie nie Regentonnen, dafür viele Rohre, die direkt von der Dachrinne in den Boden führen. Geht dieses Wasser in die Kanalisation?

Hanna Krüger: Sehr wahrscheinlich, bisher wurden Grundstücke zur Regenentwässerung meistens an die Kanalisation angeschlossen. Ziel ist es nun, dass viel mehr Gelegenheitsfenster für Abkopplung genutzt werden – nicht nur bei Anwendungsfällen der BReWa-BE – und möglichst viele Berliner*innen zu Regenagent*innen werden und schauen, wie sie die Potenziale zur Regenwasserbewirtschaftung auf ihren eigenen Grundstücken erschließen können. Hierfür müssen Anreize und praktikable Lösungen entwickelt und kommuniziert werden.

BUNDzeit: Was habe ich als Hausbesitzer*in davon, wenn ich das Regenwasser abkopple?

Hanna Krüger: Als Hauseigentümer*in können Sie das Niederschlagswasserentgelt von jährlich etwa 1,80 Euro pro versiegeltem Quadratmeter einsparen. Für Dachbegrünungen gibt es 50 Prozent Minderung. Wenn Sie das restliche Regenwasser versickern lassen und komplett auf die Einleitung in die Kanalisation verzichten, können Sie das gesamte Niederschlagswasserentgelt einsparen. Damit tragen Sie außerdem dazu bei, eine lebenswertere Umgebung für Mensch, Vögel und Insekten zu schaffen und Berlin ein Stück klimaangepasster zu machen.

Das Interview führte Sebastian Petrich. Es erschien in der BUNDzeit 20-3. Mehr zum Thema Wasser:

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