„Man kann sicher nicht sagen, dass von Pestiziden keine Gefahren ausgehen“

09. Februar 2023 | BUNDzeit, Vögel und Fledermäuse, Landwirtschaft, Naturschutz, Umweltgifte, Schmetterlinge, Artenschutz

Ökotoxikologe Carsten Brühl über den Spritzkalender in der Landwirtschaft, untaugliche Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel und deren Auswirkungen auf Insekten und Amphibien

Carsten Brühl lehrt und forscht an der Universität Landau zu den Effekten von Pestiziden auf verschiedene Tier- und Pflanzengruppen und deren Interaktionen. In aktuellen Projekten untersucht er die reale Belastung von Böden, Pflanzen und Tieren durch Pestizide.

BUNDzeit: Herr Dr. Brühl, wie viele Pestizide sind in Deutschland zugelassen?

Carsten Brühl: Ungefähr 1.000 Produkte beziehungsweise knapp 300 Wirkstoffe, die Zahl schwankt immer ein bisschen. Aktuell liegt der Wert der ausgebrachten Pestizide bei drei Kilo Wirkstoff pro Hektar. Insgesamt werden auf der Agrarfläche etwa 35.000 Tonnen Wirkstoffe im Jahr ausgebracht. Die Anbaufläche selbst macht etwa 30 Prozent der Landesfläche aus.

In welchen Kulturen ist der Pestizideinsatz besonders stark?

Im Weinbau hat man viele Fungizide, im Obstbau neben Fungiziden auch Insektizide, der Gemüseanbau hat auch einen hohen Einsatz. Im Weinbau kommen zehn Fungizide zum Einsatz, im Obstbau 30 verschiedene Substanzen. Beispiel Apfel: Von der Blüte bis zur Ernte sind es 100 Tage, also rechnerisch jeden dritten Tag ein Pestizid. Oft werden mehrere Substanzen gleichzeitig ausgebracht.

Kann man von einer Art Spritzkalender sprechen?

Ja, die ganze Saison ist nach Vorgaben der Pflanzenschutzberatungsstellen durchgetaktet. Fungizide nimmt man vor allem, wenn das Risiko eines Befalls da ist. Es ist also eine prophylaktische Applikation. Der Landwirt wartet quasi auf die Nachricht: Achtung, die Wetterlage wird günstig für den Pilz, setze gegen den Befall jetzt folgendes Fungizid ein. Dann gehen alle gleichzeitig raus und applizieren die ganze Landschaft einmal durch. Beim Getreide wird erst ein Herbizid eingesetzt, gesät, dann wächst das Getreide, später gibt es eine Fungizid- und je nach Risiko zum Beispiel noch ein Insektizid gegen Blattläuse. Und wenn das Wetter feucht ist vielleicht noch ein zusätzliches Fungizid.

Vor zehn Jahren haben Sie 150 Grasfrösche mit Pestiziden besprüht. Worum ging es dabei?

Um die Frage, ob Amphibien durch die bestehende Zulassung der Pestizide und die entsprechende Risikobewertung geschützt sind. Wir haben erst nach Literatur gesucht, aber es gab noch keine Veröffentlichungen, wie Pestizide auf Amphibien wirken. Deshalb haben wir in unserem Versuch angenommen, dass ein Frosch auf einem Acker sitzt und direkt übersprüht wird. Also das Worst-Case-Szeanario mit direktem Kontakt. Egal ob Fungizide, Herbizide oder Insektizide, die Frösche sind an den meisten eingesetzten Pestizidmitteln gestorben. Das Ergebnis an sich war nicht überraschend, weil Amphibien eine ganz andere Hautstruktur als Vögel oder Säugetiere haben, die bei der Zulassung betrachtet werden. Diese schotten sich mit der Haut von der Umwelt ab, während Amphibien über die Haut im Austausch mit der Umwelt stehen. Erstaunlich war, dass dies in 50 Jahren dauerhaftem Pestizideinsatz auf Agrarflächen noch nie untersucht wurde.

Was passiert, wenn die Amphibien nicht direkt besprüht werden, sondern auf den schon gespritzten Acker kommen?

Das haben wir mal mit einem Weinbergsfungizid getestet, unter der Annahme, dass davon nur ein geringer Teil auf dem Boden ankommt. Auch dort ist die Hälfte der Amphibien gestorben, weil sie über die Haut sehr gut aufnehmen, was im Boden ist.

Spielen in den Zulassungsverfahren für Pestizide deren Auswirkungen auf Amphibien keine Rolle?

Bisher noch nicht. Und unsere Studie ist ja schon ein bisschen älter. Das zeigt, wie träge dieses Zulassungssystem ist.

Inwiefern schützen Schutzgebiete Tiere vor Pestiziden?

Wir haben uns in einer neueren Untersuchung die Belastung von Fluginsekten in Naturschutzgebieten in Deutschland angeschaut und festgestellt, dass sie im Mittel mit 16 verschiedenen Pestiziden, in der Spitze mit bis zu 30 Pestiziden belastet sind. Sehr wahrscheinlich geschieht die Belastung im Umland im Umkreis von etwa zwei Kilometern um das Schutzgebiet herum, dem durchschnittlichen Flugradius der Insekten. Auch die gemessene Mehrfachbelastung wird in der Zulassung überhaupt nicht abgebildet, denn die nimmt an, dass ein Organismus immer nur einem Stoff gegenüber exponiert ist.

Dann müsste man ja Tausende Wirkstoffkombinationen prüfen.

Hunderttausende. Das ist eine unlösbare Aufgabe. Im terrestrischen Bereich ist die Zulassung sehr mangelhaft; man kann sicher nicht sagen, dass von Pestiziden keine Gefahren ausgehen. Wir haben überall große Verluste in den Tier- und Pflanzengruppen. Die Insektenmasseuntersuchung vom Entomologischen Verein Krefeld hat nicht nur gezeigt, dass die Insekten verschwinden – 80 Prozent Verlust an Biomasse in 30 Jahren –, sondern auch, dass ein ganzes Nahrungsnetz vor dem Zusammenbruch steht. Und die Insekten sind nicht nur Nahrung für Vögel und Amphibien, sondern haben Funktionen wie Bestäubung oder Zersetzung von Dung, die sie aktuell nicht mehr so wie noch vor 30 Jahren erfüllen.

Lohnt es noch, am Verfahren der Pestizidzulassung herumzudoktern?

Das Problem ist komplex und wir haben bedauerlicherweise jetzt keine Zeit mehr, uns Gedanken über das Zulassungssystem zu machen, nur damit wir weiter so viele Pestizide wie heute ausbringen können.

Also 100 Prozent Ökolandbau sofort …

Ja, so schnell es geht auf synthetische Pestizide verzichten! Insofern ist der Ansatz der EU-Kommission, bis 2030 den Pestizideinsatz zu halbieren, richtig. Die Herausforderung ist aber, das gesamte System zu ändern, nicht nur den Umgang mit Pestiziden. Die Landwirtschaft sollte wieder Nahrungsmittel für die lokale Bevölkerung produzieren. Warum muss Deutschland der größte Schweinefleischexporteur sein – und jeden Tag fast eine Million Euro Strafe an die EU zahlen, weil die Nitratwerte überschritten werden? Das ist alles andere als nachhaltig! Man muss jetzt auch in Forschung und Lehre investieren, denn wenn innerhalb der nächsten acht Jahren viele Landwirte auf Biolandbau umstellen sollen, muss man den Leuten das beibringen.

Wie sieht die Artenvielfalt in Gegenden mit überdurchschnittlich viel Ökolandbau aus?

Die meisten Studien zeigen, dass beim Ökolandbau die Diversität der betrachteten Artengruppen höher ist. Es gibt aber auch Studien, die das nicht zeigen. Daher läuft aktuell die Diskussion, ob Ökolandbau die Lösung ist, weil er ja auch Pflanzenschutzmittel einsetzt, halt keine synthetischen. Aber wir haben aktuell ein riesiges Meer von konventionellem Landbau und dazwischen ein paar Bio-Inseln. Man müsste das ganze Toolkit – Verzicht auf synthetische Pestizide, mehr Fruchtwechsel, Blühstreifen und Brachen, Sorten ohne Saatgutbeize, mehr Vielfalt der angebauten Sorten – auf größerer Ebene in einer Landschaft darstellen. Wenn man dann mehr Insekten und Vögel sieht, wäre das sehr überzeugend. Das könnte man zum Beispiel tun, indem man in einigen Regionen experimentelle Modelllandschaften einrichtet und dort misst, wie gut läuft die Umstellung auf Biolandbau, wie entwickelt sich die Biodiversität und wie geht es den Landwirten und der lokalen Bevölkerung damit. Diese großskaligen Untersuchungen sind dringend notwendig, um Lösungswege aufzuzeigen, die praktisch erfahrbar sind. Dann können sich Landwirte direkt anschauen, wie eine Umstellung läuft, wie zufrieden oder unzufrieden die Kollegen sind, und danach entscheiden. Leider geht das nicht mit einem einzelnen Hof, da die Insekten und Vögel recht mobil sind, aber mit einer Skala von fünf mal fünf Kilometer ließe sich etwas anfangen.

Das Interview führte Sebastian Petrich. Es erschien in der BUNDzeit 2023-1. Mehr zum Schwerpunktthema Artensterben:
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