Wie man Autoverkehr sät

08. November 2025 | BUNDzeit, Verkehr

In Berlin und Brandenburg werden neue Straßen gebaut, als gäbe es weder Klimakrise noch Spardruck

An Warnungen hat es nicht gemangelt: Demo gegen A100-Verlängerung 2024. Foto: Björn Obmann

Seit dem Spätsommer ist die 3,2 Kilometer lange und 721 Millionen Euro teure Verlängerung der A100 in Betrieb und es ist genau das eingetreten, was viele vorhergesagt haben: An ihrem östlichen Ende herrscht das blanke Chaos. Die von der Autobahn kommenden Kraftfahrzeuge blockieren die zentrale Kreuzung am Treptower Park, Querungsversuche zu Fuß oder per Rad sind gefährlich. Daten des Navigationssystemherstellers Tomtom, die der Tagesspiegel analysiert hat, zeigen deutlich mehr Verkehr vor allem im Norden der Anschlussstelle. So viel zum Versprechen, die A100 werde die benachbarten Kieze entlasten. 

Als würden die Nicht-Autofahrenden nicht schon genügend unter dem von der A100 verursachten zusätzlichen Verkehr leiden, gehen auch die „Lösungen“ auf ihre Kosten. BVG-Linien stellen ihren Betrieb ein, weil die Busse nicht durch den Stau kommen. Damit der Autoverkehr besser fließt, will Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) die aus Friedrichshain über das Nadelöhr Elsenbrücke führende Radspur einfach in eine Autospur umwandeln – keine Idee ihrer Verwaltung, sondern eine Forderung der Springer-Presse und ein klarer Bruch des Mobilitätsgesetzes. 

Das Ende der A100 

Klüger sind Teile der SPD. So forderte ihr Fraktions-Verkehrsexperte Tino Schopf, den eben fertig gestellten 16. Bauabschnitt der A100 wieder zu schließen, wenn sich die Situation am Treptower Park nicht ändert. Schnelle Besserung ist nicht in Sicht, denn der Neubau der westlichen Hälfte der Elsenbrücke verzögert sich mindestens bis zum Januar. Dennoch weigert sich Bonde, ein Verkehrskonzept für die blechgeplagten Kieze rund um das Autobahnende erarbeiten zu lassen. Stattdessen nutzt die CDU das Chaos, um Stimmung für den nächsten, den 17. Bauabschnitt der A100 zu machen. 
Was die Autobahnfans nicht dazu sagen: Eine Verlängerung der A100 über Friedrichshain bis nach Lichtenberg wird es in diesem Jahrzehnt nicht geben. Glücklicherweise. Würde der 17. Bauabschnitt gegen alle Widerstände Realität, verlagerte sich das aktuelle Chaos ohnehin nur ein paar Kilometer weiter. Daher muss jetzt im Namen der Vernunft eine Entscheidung fallen: Schluss mit der A100. Um die unhaltbare Situation am Treptower Park aufzulösen, helfen nur deutliche Reduzierung der Kapazitäten der auf den Knoten zuführenden Straßen.

Bröckelnde Brücken als Chance 

Schrumpfen könnten auch die Ersatzbauten für die abgerissene Ringbahn- und Westendbrücke. Mindestens eine Spur weniger pro Richtung sollen die Neubauten bekommen, fordert der BUND. Gänzlich verzichtbar ist die über 40 Millionen teure Sanierung des Tunnels Schlangenbader Straße. Diese mit einer denkmalgeschützten Wohnanlage überbaute Schnellstraße (ehemals A104) ist ein prominentes Beispiel für Straßen, die zusätzlichen Verkehr schaffen. Während die A100 hauptsächlich der Bund zahlte, wendet Berlin auch Landesmittel für Straßenneubau auf. Mit erwarteten Kosten von 632 Millionen Euro bis 2035 und Dutzenden Hektar zerstörter Natur ist die geplante Tangentialverbindung Ost (TVO) durch die Wuhlheide der gravierendste Fall. Aber keineswegs der einzige. Im Zusammenhang mit dem umstrittenen Plan für ein Wohn- und Gewerbegebiet im Dreieck Späthsfelde droht ein neuer Autobahnzubringer zur A113: die sogenannte Südostverbindung (SOV).

Ein neuer Halbring im Norden
 
Brandenburg plant schon seit Jahrzehnten eine Kette von Ortsumgehungen entlang der B167 zwischen Neuruppin und Frankfurt (Oder), die gewissermaßen einen neuen Schnellstraßenhalbring bilden. Die Asphaltorgie beginnt mit dem rund 11 Kilometer langen Abschnitt zwischen der A11 und Eberswalde-Nordend entlang des Oder-Havel-Kanals. Begründung: Man erwarte zunehmenden Verkehr. Dabei fordert das Brandenburger Mobilitätsgesetz, den Autoverkehr um ein Drittel zu reduzieren – Straßenneubau bewirkt das Gegenteil.

Der BUND bereitet eine Klage gegen den 2026 zu erwartenden Planfeststellungsbeschluss vor. In einem anderen Abschnitt der B167 hatte allein eine angedrohte BUND-Klage Erfolg: Zwischen Gusow und Seelow bleiben vorerst über 60 Bäume stehen, darunter einige über 200 Jahre alte Eichen. Die wollte die Straßenbaubehörde fällen lassen, um einen an einer Kurve gelegenen Unfallschwerpunkt zu entschärfen. Die einfache Lösung: Das Tempolimit von 50 km/h wurde auf 30 km/h gesenkt. 

Bei betterplace können Sie die BUND-Klage gegen die B167 neu bei Eberswalde unterstützen

Dieser Artikel erschien in der BUNDzeit 4/2025. Mehr zum Schwerpunktthema Verkehr:
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