Lasst die Sägen schweigen

10. Mai 2026 | Bäume, BUNDzeit

Neue Bäume pflanzen ist schön, reicht aber nicht. Wenn wir die Stadtnatur erhalten wollen, wird es Zeit für einen konsequenten Rodungsstopp. Nicht nur während der Vegetationsperiode.

Friedhofsmauern schützen Bäume nicht immer vor Fällungen. Foto: Sebastian Petrich

Die Zauneidechsen haben sich wieder einmal nützlich gemacht. Ende Februar blies das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf in letzter Sekunde eine Baumrodungsaktion am S-Bahnhof Wuhletal ab. 40 gesunde Bäume wollte es dort fällen lassen, um weitere 45 Parkplätze zu bauen. Weil sich herausstellte, dass das Wäldchen optimale Lebensbedingungen für Zauneidechsen bietet und die Rodung die Tiere empfindlich stören würde, dürfen die Bäume bis Oktober stehen bleiben. Bis dahin werden Ausgleichsmaßnahmen geplant. Diese Zeit sollte der Bezirk nutzen, um das Projekt zu den Akten zu legen. Wenn tatsächlich weitere Park-and-Ride-Stellplätze notwendig sind, wäre ein mehrstöckiges Parkhaus eine naturschonende Alternative. Und zwar dort, wo heute schon Parkplätze sind. Noch sinnvoller wäre, zu prüfen, wie man das Radwegund Busnetz rund um den S-Bahnhof Wuhletal verbessern kann, damit weniger Menschen per Auto zur S-Bahn fahren. 

Wuhletal ist kein Einzelfall. Bevor am 1. März die Vegetationsperiode beginnt, in der Baumfällungen grundsätzlich verboten sind, erreichen den BUND jedes Jahr viele Anrufe von Baumfreund*innen. So viele, dass der BUND vor allem Hilfe zur Selbsthilfe leisten kann, also Tipps zur Rechtslage und zu den behördlichen Zuständigkeiten geben. Manchmal aber kann ein Baummassaker juristisch verhindert werden. So etwa in der Pankower Ossietzkystraße. Das Verwaltungsgericht untersagte der landeseigenen Gesobau Rodungen in einem begrünten Innenhof, um einen Neubau zu errichten. Die Gesobau hatte Ausgleichsmaßnahmen für Sperlinge und Fledermäuse „vergessen“. Ähnlich lief es für die ebenfalls landeseigene Howoge, die den Karlshorster Ilse-Kiez verdichten will. 

Gerodet wird hauptsächlich für Wohnungsbau, aber nicht nur. Am Rande der Köpenicker Altstadt soll das Amtswäldchen einem Parkplatz für Pkw und Reisebusse weichen. Vor allem fallen in Berlin und Brandenburg immer wieder Alleebäume Straßensanierungen zum Opfer. Mitte Februar ließ die Stadtverwaltung von Senftenberg 25 angeblich zu alte Krimlinden in der unter Denkmalschutz stehenden Gartenstadt Marga fällen. Nur einzelne geschädigte Bäume zu fällen, lehnte die Stadt aus Sorge um das einheitliche Erscheinungsbild ab. 

Auch in Berlin sollen nach Willen der Verkehrsverwaltung bei Straßensanierungen etliche Bäume verschwinden. Etwa auf der Torstraße (36 Bäume), am Tempelhofer Damm (60 auf dem Mittelstreifen) und auf der Ollenhauerstraße (alle 131). Ein ganz anderes Kaliber ist das Schnellstraßenprojekt Tangentiale Verbindung Ost (TVO), für das die CDU-SPD-Koalition 15 Hektar Wald roden will. 

1:1 reicht nicht 

Regelmäßig stellen die Behörden neue Bäume in Aussicht. Allerdings werden in allen Berliner Bezirken seit Jahren deutlich mehr Bäume gefällt als gepflanzt. Die Kluft zwischen Versprechen und Wirklichkeit ist enorm. Dabei würde selbst eine 1:1-Nachpflanzung nicht reichen, schließlich brauchen Bäume Jahre und Jahrzehnte, bis sie all das leisten, was wir von ihnen erwarten: Luft filtern, durch Verdunstung und Verschattung Temperaturen senken, CO2 speichern und nicht zuletzt Tausenden Arten von Vögeln, Säugetieren, Insekten und Pilzen ein Zuhause geben. Außerdem überstehen längst nicht alle Jungbäume die ersten kritischen Jahre. Gerade Straßenbäume sind von Streusalz über Baustellen ohne Baumschutz bis zu Hundeurin vielen Stressfaktoren ausgesetzt. 

Wie passt diese offensichtliche Geringschätzung der Bäume zum Klimaanpassungsgesetz („Bäume plus“-Gesetz), das das Berliner Abgeordnetenhaus im November einstimmig (bei Enthaltung der AfD) beschlossen hat? Also zu jenem Gesetz, das bis 2040 auf jeder Berliner Straße alle 15 Meter einen gesunden Baum vorschreibt? Nun, wenn CDU und SPD nicht das Anliegen der Initiative „Baumentscheid“ übernommen hätte, hätte ihnen ein erfolgreiches Volksbegehren und anschließend vermutlich ein Volksentscheid gedroht. Und das im Wahlkampf. Allerdings konnte die stets um Kfz-Stellplätze besorgte CDU durchsetzen, dass die neuen Bäume in der Regel auf Bürgersteigen gepflanzt werden sollen. Folge: Wo die Gehwege zu schmal für Baumpflanzungen sind, wird es wohl keine Bäume geben. 

Die umweltinteressierte Zivilgesellschaft muss nun höllisch aufpassen, dass die Vorgaben aus „Bäume plus“ wirklich umgesetzt werden. Denn was nutzen Pflanzungen, wenn viel zu wenig Geld für die Pflege des Bestands da ist? Der schlechte Zustand der Bäume im öffentlichen Raum hat auch viel mit Einsparungen bei der Grünanlagenpflege zu tun. So gesehen ist das Gesetz zwar ein schöner Schritt in Richtung Klimaanpassung, aber der zweite vor dem ersten. 

Flächen richtig nutzen 

Der logische erste Schritt wäre ein konsequenter Schutz des bestehenden Stadtgrüns – nicht nur entlang der Straßen, sondern auch auf privaten Flächen. Es muss also eine andere Baupolitik her, die nicht irgendwann, sondern jetzt die Versiegelung und Grünvernichtung stoppt. Neuer Wohnraum soll nur auf bereits bebauten Flächen entstehen. Davon gibt es mehr als genug, sie werden nur falsch genutzt: Ende 2025 standen 1,75 Millionen Quadratmeter Bürofläche leer, weitere 840.000 werden 2026 dazukommen. Da der Markt dieses Missverhältnis nicht beseitigen kann oder will, muss es der Staat tun. Genau das will der BUND mit seiner Kampagne „Grüne Flächen retten – Hitzeschutz jetzt!“ erreichen.

Helfen Sie mit, den Schutz der Bäume und der ganzen Stadtnatur zum Topthema im Berliner Wahlkampf 2026 zu machen! Mehr dazu auf www.gruene-flaechen-retten.de

Dieser Artikel erschien in der BUNDzeit 2/2026. Mehr zum Schwerpunktthema „Bäume“:
Wald in Brandenburg und Berlin: Einfach die Bäume selbst machen lassen
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