„Einen Einfluss hat der Wolf auf jeden Fall“

12. Mai 2026 | Bäume, BUNDzeit, Wolf

Spurenleser und Wildnispädagoge Paul Wernicke über Naturverjüngung der Waldbäume, Welpennachweise und die neue Unpünktlichkeit der Rehe

Paul Wernicke Jahrgang 1978, gründete 2010 die Wildnisschule Hoher Fläming. Als Spurenleser engagiert er sich ehrenamtlich im Wolfs- und Wildkatzenmonitoring. Einmal wöchentlich ist er in der Sendung „Fantastische Tierwelten“ auf RadioEins zu hören. Die große Tafel auf Brusthöhe zeigt Wolfsabdrücke. Foto: Sebastian Petrich

Wir sitzen auf einer Wiese am Waldrand einige Kilometer westlich von Bad Belzig. Wie nahe könnte der nächste Wolf sein? 

Paul Wernicke: Er könnte jetzt 16 Kilometer entfernt sein oder keine 600 Meter weiter in einer Schonung liegen und schlafen. Erstens hört man manchmal, dass Wölfe in der Nähe sind: Wenn hier ein Krankenwagen mit Sirene vorbeifährt, gibt es Heuler. Das hat in den letzten Jahren zugenommen. Zweitens findet man Losungen, mit denen die Wölfe ihr Territorium markieren, und weitere Zeichen wie Haare, Liegestellen, Höhlen, Risse und Fraßspuren. Drittens gibt es Abdrücke im Boden. Bei ihnen bleibt aber immer eine kleine Unsicherheit, weil die Trittsiegel der Haushunde sehr ähnlich sind. Wenn da ein frischer Kadaver mit Kehlbiss liegt, siehst du den Unterschied: Hunde jagen anders.

Braucht man Wildtierkameras, um Wölfe nachzuweisen? 

Ja, die brauchst du für die C1-Nachweise. C1 ist ein eindeutiger Nachweis und C2 ein von einer erfahrenen Person bestätigter Hinweis auf einen Wolf. C3 bedeutet, dass es sich um einen Wolf handeln kann, aber nicht muss. Im Augenblick gelten die Spuren nur als C2-Nachweis. 

Wie zählt man Wölfe im Wolfsmonitoring? 

Zunächst mal sagen mir die Spuren, wo ich Wildtierkameras aufhängen muss. Auf den Fotos siehst du dann die individuellen Unterschiede der einzelnen Tiere, du kannst etwa das Geschlecht anhand von Körperbau und Geschlechtsteilen erkennen. Um ein Rudel nachzuweisen, braucht man einen Welpennachweis, also entweder eine Höhle, Bilder der Welpen oder genetische Spuren. Man nimmt an, dass der Familienverband im Jahresdurchschnitt zehn Mitglieder hat: zwei Elterntiere, zwei bis drei Jungtiere aus dem Vorjahr, also Jährlinge, und vier bis sechs Welpen. Die Zahl der nachgewiesenen Rudel mal zehn ergibt zwar nicht die aktuelle Zahl der Wölfe, die kann man nie genau bestimmen, aber so hat man eine angenommene Größe, die die Entwicklungstendenzen recht gut abbildet. 

Könnten sich in Brandenburg noch mehr Rudel etablieren? 

In absoluten Zahlen haben wir hier bundesweit die meisten Rudel. Aber es ist noch Platz. In Gesamtdeutschland sowieso, aber auch hier. Die Frage ist, wie die Koexistenz mit uns Menschen funktioniert. Die menschenleeren Räume, zum Beispiel Truppenübungsplätze, sind schon alle besetzt. Dennoch sind wir noch lange nicht an der Maximalgrenze angekommen, das würden wir auch sofort merken. 

Bedeutet das, dass Wölfe hier Nahrung ohne Ende finden? 

Im Augenblick gibt es sehr viel Wild, vor allem sehr viele Rehe. Auch die Schweine vermehren sich, trotz aller möglichen Jagdbemühungen, die Population angesichts der Afrikanischen Schweinepest zu reduzieren. Für den Wolf bleibt also auch ohne Nutztiere genug Futter. Sie machen nur einen sehr kleinen Anteil der Wolfsnahrung aus. Aber: Nur wenn die Nutztiere gut geschützt sind, ziehen Wölfe Wildtiere vor. 

Kannst du anhand der Spuren nachvollziehen, wie der typische Tagesablauf eines Wolfes aussieht? 

Dazu muss ich vorausschicken, dass es noch mehr Unklarheiten als Klarheiten gibt. Aber was man auf jeden Fall sagen kann: Zum typischen Tagesablauf gehört ganz viel Schlaf, aber irgendwann zieht der Wolf los. 

Allein oder zu mehreren? 

Das gibt es in allen Kombinationen. Aber die schönsten, für mich eindrucksvollsten Momente sind, wenn das ganze Rudel zusammen ist. Und das über weite Strecken: Ein Wolf, der nicht seine 10 bis 30 Kilometer Bewegung am Tag hat, kann nicht ruhig schlafen. Wenn du den Wölfen anhand ihrer Spuren folgst, erkennst du eine unvergleichbar geschmeidige Art, sich durch die Landschaft zu bewegen. Die aber auch chaotisch sein kann, etwa an Straßenüberquerungen, das spiegelt sich dann in den Unfallzahlen. Die meisten Wölfe sterben bei Verkehrsunfällen. Und das in den ersten drei Lebensjahren. Wer die Gefahren in den drei ersten Jahren gemeistert hat, wird oft sehr alt. Zehn bis zwölf Jahre ist für einen Wolf alt. Wenn sie im Jagdmodus sind, laufen sie in Schlangenlinien. Nach einem Riss sehen die Spuren ziemlich martialisch aus, vor allem wenn Schnee liegt. Der aus Sicht des Beutetiers grausame Moment ist aber ziemlich kurz. Nach dem Fressen kommen Momente der Freude, des Übermuts: Da wird gespielt, sich gegenseitig gejagt, gebissen und gerangelt. Das alles siehst du anhand von Spurenclustern. 

Wie lange hält es ein Wolf ohne Nahrung aus? 

Drei, vier Tage ist kein Thema. Aber wenn sie fressen, können sie drei, vier Kilo vertilgen. Das ist etwa der Durchschnitt, was sie täglich brauchen. Wenn Wölfe richtig satt sind, jagen sie nicht auf Vorrat. 

Sagen Rehkadaver etwas über die Anwesenheit des Wolfs aus? 

Als wir weniger Wölfe hatten, haben wir mehr Risse gefunden. Inzwischen ist ein Reh innerhalb weniger Stunden verputzt. Und die Nachnutzer kommen so schnell, dass kaum noch was übrig bleibt.

Erreicht der Wald mit zunehmender Wolfsdichte einen Zustand, in dem die Naturverjüngung der Bäume wieder gut funktioniert? 

Das ist eine komplexe Frage. Es hängt ja auch von der Art des Waldes ab; ein bunter, reicher Wald auf satten Böden kann eine höhere Rehpopulation tragen als arme Böden. Aber was man auf jeden Fall schon festgestellt hat, ist, dass Hirsche und Wildschweine weniger standorttreu sind als in der Zeit vor dem Wolf. Rehe bleiben zwar in ihrem Revier, sind aber mehr in Bewegung. Das heißt, sie fressen nicht mehr immer an den gleichen Stellen. Das ist übrigens auch für ihre Gesundheit gut, weil dadurch Krankheiten weniger leicht verbreitet werden. Wenn die Rehe sich ständig bewegen müssen, gibt es vorübergehend Gebiete, in denen Naturverjüngung funktioniert und junge Bäume über die Verbissgrenze hinaus wachsen. Der Wolf wird nicht ein komplettes Gleichgewicht herstellen, dazu greifen wir Menschen zu viel ein; weil wir zu viel Land brauchen, um uns zu ernähren und unseren Lebensstandard zu halten. Aber einen Einfluss hat er auf jeden Fall. 

Eigentlich müssten die Jäger*innen sich über die Anwesenheit des Wolfs freuen, schließlich nimmt er ihnen viel Arbeit ab … 

Eigentlich ja. Aus der Jägerschaft hört man aber oft, dass Wölfe das Damwild ausrotten werden. Das ist schwer vorstellbar, aber die Zahlen werden örtlich kleiner, wo der Wolf auftaucht. Viele Jäger*innen sagen, dass es keine Rehe mehr gibt – dabei ist alles voll mit Rehspuren! Aber die kommen halt nicht mehr pünktlich um 19 Uhr 15 auf die immer gleiche Lichtung. Die Jäger*innen erleben eine neue Unvorhersehbarkeit der Wildbewegungen. Sie können nicht wissen, ob der Wolf gerade im Revier ist oder nicht.

Was kann ich als Wolfsfan machen, um mal einen Wolf in freier Wildbahn zu sehen? 

Genau diesen Wunsch aus dem Kopf streichen. Das Letzte, was Wolfsschützer* innen tun sollten, ist die Nähe Mensch–Wolf zu fördern. Die ist immer an Nahrung gebunden. Wir stehen aber nicht auf der Beuteliste der Wölfe. Deshalb sage ich: Komm lieber zu uns und lerne Spuren lesen. Die Spuren verschaffen dir intensivere Begegnungen mit dem Wolf als eine Sichtung, die ja nur von sehr kurzer Dauer ist. 

Das Interview führte Sebastian Petrich. Es erschien in der BUNDzeit 2/2026. Mehr zum Schwerpunktthema „Bäume“:
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