geschlachtete Puten
(Foto: BUND Brandenburg)
Die Vogelgrippe-Welle in Brandenburg trifft Geflügelbestände und Wildvögel gleichermaßen hart – insbesondere Kraniche und andere Wasservögel. Während in der öffentlichen Debatte vor allem Wildvögel als Hauptverursacher dargestellt werden, kritisiert der BUND Brandenburg, dass das eigentliche Grundproblem, die industrielle Massentierhaltung von Geflügel, von Seiten des Landwirtschaftsministeriums (MLEUV) wie auch des Bauernverbands weitgehend ausgeblendet wird.
„Die Vogelgrippe ist kein Naturereignis, sondern das Ergebnis eines Systems, das zu viele Tiere auf zu engem Raum hält“, sagt Regina Schwarz, Co-Landesvorsitzende des BUND Brandenburg. „Solange wir an dieser Form der Massentierhaltung festhalten, werden wir immer neue Virusvarianten produzieren – mit Risiken für Tiere und am Ende auch für uns Menschen.“
Influenza-Viren kommen seit Langem in Wildvögeln vor – dort meist als eher milde, niedrigpathogene Varianten. Gefährlich werden sie, wenn sie in große, dichte Geflügelbestände gelangen: Erst dort entstehen durch genetische Veränderungen die hochpathogenen Varianten, die für Hühner und Puten besonders tödlich sind. Die bisher dokumentierten Umwandlungen von milden zu hochpathogenen Viren hat in Hausgeflügel-Populationen stattgefunden, nicht bei Wildvögeln.
Sind solche hochpathogenen Viren einmal entstanden, können sie auf Wildvögel übergehen und sich über Zugrouten großräumig verbreiten. Die Folge sind Massensterben in Kranichrastgebieten, Seevogelkolonien und bei vielen anderen Arten.
Damit trifft ein Problem aus der industriellen Tierhaltung nun jene Wildvogelbestände, die für funktionierende Ökosysteme und die biologische Vielfalt unverzichtbar sind.
Der BUND Brandenburg kritisiert, dass das Ministerium für Land- und Ernährungswirtschaft, Umwelt- und Verbraucherschutz (MLEUV) und der Bauernverband in ihren Stellungnahmen den Eindruck befördert Maßnahmen gegen „zu hohen Wildvogelbestand“ seien die Lösung.
Aber schon jetzt gibt es massive Verluste in den Wildvogelbeständen durch das Virus selbst. Zusätzliche Vergrämung und Abschüsse würden diese Verluste weiter erhöhen – ohne das eigentliche Risiko in den Ställen nachhaltig zu senken.
„Wer jetzt nach der Flinte ruft, bekämpft die Symptome und lässt die eigentliche Gefahrenquelle in den Ställen unangetastet“, so Carsten Preuß, Co-Landesvorsitzender des BUND Brandenburg. „Ein Virus, das in der Massentierhaltung groß geworden ist, lässt sich nicht mit der Jagd auf Wildvögel bekämpfen.“
Für die Allgemeinbevölkerung ist das Risiko einer Ansteckung mit dem derzeitigen HPAI-Virus aktuell gering. Für Beschäftigte in Geflügel- und Milchviehbetrieben ist das Risiko jedoch schon erhöht.
Jeder neue Ausbruch in großen Tierbeständen bedeutet, dass sich das Virus millionenfach vermehren und verändern kann. Fachleute warnen seit Jahren, dass eine solche Form der industriellen Tierhaltung das Entstehen von Erregern begünstigt, die eines Tages leichter auf den Menschen übergehen und neue, gefährliche Krankheiten auslösen könnten. Wenn an der industriellen Tierhaltung im bisherigen Umfang festgehalten wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis ein Erreger entsteht, der auch für Menschen deutlich bedrohlicher ist.
Der BUND Brandenburg fordert deshalb einen Kurswechsel in der Agrar- und Tierhaltungspolitik. Dazu gehört aus Sicht des Verbandes:
eine klare Reduktionsstrategie für Bestandsgrößen,
eine räumliche Entzerrung von Tierhaltungsanlagen insbesondere in der Nähe bedeutender Rast- und Brutgebiete (Vogelschutzgebiete),
sowie eine Förderung von tier- und naturverträglichen Haltungsformen (explizit auch Freilandhaltungen).
ein Stopp weiterer Genehmigungen großer Geflügelanlagen,
Statt Wildvögel zum Sündenbock zu machen, braucht Brandenburg eine ehrliche Debatte über die Risiken der industriellen Tierhaltung – und einen Umbau der Landwirtschaft, der sowohl Tiere als auch Menschen und die Natur schützt.