Der Kormoran kann unter bestimmten Bedingungen lokal zusätzlichen Druck auf ohnehin störanfälligen Bestände ausüben. Entscheidend für die langfristige Entwicklung der Fischbiodiversität sind jedoch vor allem die Lebensraumqualität und die Funktionsfähigkeit der Gewässer.
Die aktuellen Daten zum Zustand der Gewässer zeigen ein strukturelles Problem: In Brandenburg erreichen nur wenige Fließgewässer-Wasserkörper einen guten ökologischen Zustand oder ein gutes ökologisches Potenzial. Viele Gewässer sind hydromorphologisch stark verändert, etwa durch Begradigungen, Uferverbau, Querschnittsveränderungen, fehlende Ufergehölze oder Verrohrungen. Hinzu kommen massive Defizite bei der ökologischen Durchgängigkeit durch Querbauwerke, die Wanderungen wertgebender Fischarten behindern und Populationen fragmentieren. Als weiterer relevanter Belastungsindikator gilt die Quecksilberbelastung in Fischen, die den chemischen Zustand vieler Gewässer beeinträchtigt. Auch Bewirtschaftungs- und Besatzpraxis sowie fischereiliche Entnahme können – je nach Gewässertyp – den Zustand der Fischgemeinschaften wesentlich prägen.
Vor diesem Hintergrund führt eine flächendeckende Kormoranbejagung in die Irre, weil sie an den Hauptursachen der Bestandsprobleme vorbeigeht. Dort, wo es tatsächlich zu lokalen Nutzungskonflikten kommt, sind zielgenaue, zeitlich und räumlich eng begrenzte Maßnahmen bereits heute möglich. Die Brandenburgische Kormoranverordnung erlaubt Vergrämung und in engen Grenzen Abschüsse als artenschutzrechtliche Ausnahme – etwa zur Abwendung erheblicher fischereiwirtschaftlicher Schäden oder zum Schutz der natürlich vorkommenden Tierwelt.
Zugleich zeigen die aktuellen Bestandszahlen, dass der Kormoran in Brandenburg keineswegs „unkontrolliert“ zunimmt. Der amtliche Bericht der Staatlichen Vogelschutzwarte weist für 2025 einen Brutbestand von 1.038 Brutpaaren in 11 Kolonien sowie einem Einzelnest aus. Gegenüber dem Bestandsmaximum im Jahr 2001 mit 2.813 Brutpaaren entspricht das einem Rückgang um rund 63 Prozent. Inzwischen bestehen in Brandenburg nur noch drei Kolonien mit mehr als 100 Nestern. Parallel dazu wurden allein im Jahr 2024 insgesamt 1.660 Abschüsse gemeldet; seit 1999 sind nach Berichtslage mindestens 24.224 Kormorane erlegt worden. Der deutliche Rückgang des Brutbestands bei gleichzeitig über Jahre hohen Entnahmezahlen legt den Verdacht nahe, dass die Anwendung der Entnahmeregelung kritisch überprüft werden muss, um negative Effekte auf die lokale Population sicher auszuschließen.
Infolge der anhaltenden Kälte, vereister Gewässer und eingeschränkter Nahrungsverfügbarkeit werden aus Berlin und Potsdam vermehrt verendete Wasservögel gemeldet, darunter auch Kormorane. Das Bezirksamt Treptow-Köpenick weist in einer aktuellen Mitteilung darauf hin, dass die Tiere als Fischfresser bei Frost oft nicht ausreichend Nahrung finden und daher verhungern.
Der BUND Brandenburg fordert daher, die politischen und administrativen Prioritäten auf Maßnahmen zu richten, die nachweislich die Fischbiodiversität verbessern: Renaturierung und Strukturaufwertung von Fließgewässern, Wiederherstellung der Durchgängigkeit, Sicherung ökologisch notwendiger Abflüsse, Reduktion von Nähr- und Schadstoffeinträgen sowie eine konsequente Bewältigung der Bergbaufolgen in der Lausitz.
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