Fünf Jahre nach der katastrophalen Flut im Ahrtal, zeigt eine neue Recherche des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND): In Brandenburg ist noch immer nicht ausreichend auf die zunehmenden Wetterextreme vorbereitet. Statt Flüssen mehr Raum zu geben, werden wichtige Überflutungsflächen weiter mit Siedlungen und Straßen zugebaut. Während im Landesdurchschnitt die Brandenburger Flüsse 55 Prozent ihres Überschwemmungsgebiets verloren haben, trifft dies auf Elbe und Oder zu 84 bzw. 71 Prozent zu.
Im Zuge der Klimakrise kann das gefährlich werden: Nordatlantik und Mittelmeer werden immer wärmer und wir müssen deshalb mit mehr Starkregenereignissen rechnen. Das kann zu mehr Hochwasserkatastrophen führen, auch in Brandenburg. Erstmalig liegt mit der BUND-Recherche ein Gesamtüberblick über den Verlust von Überschwemmungsflächen der 79 größten Flüsse in Deutschland und über die Investitionen in den Hochwasserschutz aller Bundesländer vor. Die Recherche deckt auf, dass zwischen 2014 und 2024 im Durchschnitt jährlich rund 301 Millionen Euro in Deiche und andere technische Maßnahmen flossen, aber nur rund sieben Millionen Euro in Deichrückverlegungen. In Brandenburg flossen 2024 29 Millionen Euro in den technischen Hochwasserschutz, wie dem Bau und dem Erhalt von Deichen. Kein Cent hingegen floss in den Deichrückbau, obwohl damit sowohl für den Hochwasserschutz als auch für den Wasserrückhalt einiges getan wäre.
Carsten Preuß, Co-Landesvorsitzender des BUND Brandenburg mahnt an „Wir wissen, dass wir uns besser vor Hochwasser schützen müssen. Aber enge Bebauung, höhere Deiche und immer mehr Polder sind keine adäquate Antwort – mit ihnen können die Fluten während der Hochwasserphase zwar gemanagt werden, ein absoluter Hochwasserschutz ist aber technisch weder machbar noch wirtschaftlich sinnvoll. Hinzu kommt: In Zeiten zunehmender Wasserknappheit und Grundwasserstress lassen wir unser kostbares Wasser dann einfach wegspülen, anstatt es im Boden zu speichern. Was wir brauchen ist mehr Raum für die Flüsse, Geld für die Wiederherstellung von Auen, ein Stopp bei der Flächenversiegelung und Investitionen in ökologischen Hochwasserschutz.“
Derzeit sind laut Nationalem, Hochwasserschutzplan zwei Deichrückverlegungen in Brandenburg geplant, nämlich an der Schwarzen Elster und an der Elbe bei Wittenberge sowie Flutpolder an der Elbe bei Lenzen, an der Karthane nahe der Mündung in die Elbe sowie bei Neuzelle und Ziltendorf an der Oder. Die Projekte gehen aber nur schleppend voran. Insbesondere Nutzungsansprüche auf ehemaligen Überschwemmungsgebieten erschweren die dringend notwendigen Hochwasserschutz.
Dazu sagt Carsten Preuß: „In Brandenburg wird zu viel Geld in die falschen Maßnahmen investiert. Die Landesregierung sollte vermehrt den ökologischen Hochwasserschutz in den politischen Fokus rücken. An der Lausitzer Neiße sind über Dreiviertel der natürlichen Überschwemmungsfläche durch menschliche Nutzungen verloren. Die Flächen müssen wieder zu Überschwemmungsgebieten werden, damit sie Starkregen natürlich abpuffern, Wasser für trockene Zeiten speichert und Menschen schützen.“
Die BUND-Recherche zeigt:
- Kommunen, Länder und Bundesregierung investieren vor allem in technischen Hochwasserschutz. Dieser ist teurer als ökologischer Hochwasserschutz, der richtig verstanden und umgesetzt Hochwasserkatastrophen vermeiden oder abschwächen kann und gleichzeitig der Natur und Umwelt hilft.
- In Deutschland haben Flüsse viel weniger Platz: Zwei Drittel der Altauen sind verloren. Dabei sind regelmäßig überschwemmte Auen regelrechte Hotspots der Artenvielfalt und Kohlenstoffspeicher.
- Die geringen Fortschritte, die es durch Deichrückverlegungen gab, wurden durch neue Flächenversiegelungen vernichtet
BUND-Forderungen
- Priorität für den ökologischen Hochwasserschutz: Wasser zurückzuhalten, muss immer das bevorzugte Ziel sein!
- Flächenfraß stoppen: Die Netto-Neuversiegelung muss auf Null gesenkt werden; Neubau nur noch auf bereits versiegelten Flächen!
- Klimaschutz forcieren: Ausstoß von Treibhausgasen durch Ausstieg aus fossilen Energien reduzieren. Das macht extreme Wetterereignisse wie Starkregen seltener und schwächer
- Die EU-Verordnung über die Wiederherstellung der Natur als Hebel nutzen: sie bietet die Möglichkeit, die Bewirtschaftung der Wassermengen zu unterstützen und die Widerstandsfähigkeit gegen Dürren und Hochwasser durch naturbasierte Lösungen zu verbessern. Gesunde Wälder, Moore und Auen können Wasser aufnehmen, für Dürrezeiten speichern und bei Hochwasser als Überschwemmungsflächen zur Verfügung stehen. Sie halten Wasser in der Landschaft. Die Wasser- und Klimaresilienz muss in den bis 2026 zu erstellenden nationalen Wiederherstellungsplänen vollständig berücksichtigt werden.