Kirschallee von Andreas Wesemann (3. Platz im Alleenfotowettbewerb 2010)
Brandenburg gilt als das alleenreichste Bundesland Deutschlands. Alleen prägen das Landschaftsbild zwischen Prignitz und Lausitz, Uckermark und Fläming. Die von mächtigen Linden, Eichen und Kastanien gesäumten Straßen gehören zu den eindrucksvollsten Natur- und Kulturlandschaften des Landes. Doch dieses einzigartige Erbe ist bedroht. Viele alte Bäume werden gefällt, während junge Bäume nur unzureichend nachwachsen. Hinzu kommen Schäden durch Trockenheit, Streusalz, Bodenverdichtung und Straßenbaumaßnahmen.
Auf fast vier gefällte Bäume kommt nur eine Neupflanzung
Die Zahlen der amtlichen Alleenstatistik zeigen das Ausmaß des Problems: Allein 2023 wurden durch den Landesbetrieb Straßenwesen 2.527 Straßenbäume gefällt, aber lediglich 666 neu gepflanzt. (1) Damit ergibt sich ein bilanzieller Verlust von 1.861 Bäumen innerhalb eines einzigen Jahres. Auf einen neu gepflanzten Baum kamen fast vier gefällte Bäume. Bereits in den Jahren zuvor war die Bilanz überwiegend deutlich negativ. Eine aktuelle Statistik liegt derzeit nicht vor.
Auch die Länge der alleenbestandenen Bundes- und Landesstraßen ist erheblich zurückgegangen: Waren 2009 noch rund 2.834 Kilometer dieser Straßen von Alleen gesäumt, waren es 2019 nur noch 2.158 Kilometer. (2) Das entspricht einem Rückgang um 676 Kilometer beziehungsweise rund ein Viertel innerhalb eines Jahrzehnts.
„Brandenburg rühmt sich seiner Alleen, aber wir verlieren dieses einzigartige Natur- und Kulturerbe seit Jahren Stück für Stück. Wer Tausende alte Bäume fällt und nur einen Bruchteil davon nachpflanzt, betreibt Raubbau an unseren Alleen. Wir brauchen endlich eine Trendwende: Jede vermeidbare Fällung muss unterbleiben, entstandene Lücken müssen geschlossen und neue Alleen angelegt werden. Sonst werden die grünen Tunnel, die unsere Landschaft seit Generationen prägen, für kommende Generationen zur Seltenheit“, erklärt Carsten Preuß, Co-Landesvorsitzender des BUND Brandenburg.
20.000 neue Bäume versprochen – aber aktuelle Zahlen fehlen
Mit der Alleenkonzeption 2030 hat sich die Landesregierung vorgenommen, zwischen 2024 und 2028 insgesamt 20.000 Bäume in Alleen und Baumreihen an Straßen und Wegen zu pflanzen. Das entspricht rechnerisch 4.000 Bäumen pro Jahr. Doch wie viele Bäume seit Beginn des Programms tatsächlich gepflanzt wurden, bleibt unklar. Eine nächste Alleenstatistik wird die Landesregierung 2029 im Rahmen der Zwischenevaluation vorlegen.
Aus Sicht des BUND ist das nicht akzeptabel. Ohne jährlich veröffentlichte Zahlen lässt sich weder überprüfen, ob das Pflanzziel erreicht wird, noch feststellen, ob die Zahl der Alleebäume weiter abnimmt. Entscheidend ist schließlich nicht allein, wie viele neue Bäume gepflanzt werden, sondern ob der Bestand insgesamt erhalten bleibt und langfristig wieder wächst.
Alleen sind natürliche Klimaanlagen und Lebensadern
Der Verlust der Alleen trifft nicht nur die Natur, sondern auch die Menschen in Brandenburg. Gerade angesichts zunehmender Hitzeperioden und Trockenheit wird ihre Bedeutung immer größer.
Die Baumkronen spenden Schatten, verringern die Aufheizung von Straßen und tragen durch Verdunstung zur Kühlung ihrer Umgebung bei. Ihre Blätter filtern Staub und andere Luftschadstoffe. Alleen bieten Lebensräume für Vögel, Fledermäuse und zahlreiche Insekten und verbinden Lebensräume in einer intensiv genutzten Agrarlandschaft. Gleichzeitig bremsen sie den Wind und können angrenzende Böden vor Winderosion schützen. Nicht zuletzt sind Alleen ein Stück Heimat. Sie machen Straßen und Wege unverwechselbar, begleiten Menschen auf ihren täglichen Wegen und verleihen der Brandenburger Landschaft ihre besondere Identität.
„Eine hundertjährige Linde lässt sich nicht einfach durch einen jungen Baum ersetzen. Ihr Schatten, ihre Kühlungswirkung und ihre Bedeutung als Lebensraum sind über viele Jahrzehnte gewachsen. Gerade in einem Land wie Brandenburg, das zunehmend unter Hitze und Trockenheit leidet, können wir es uns nicht leisten, diese grünen Lebensadern zu verlieren. Alleenschutz ist deshalb auch Gesundheitsschutz, Klimaanpassung und eine Investition in die Lebensqualität der Menschen“, betont Carsten Preuß.
Alleenschutz muss Vorrang vor vermeidbaren Fällungen haben
Der BUND fordert, bei Straßenplanungen den Erhalt vorhandener Alleen von Anfang an zur verbindlichen Planungsgrundlage zu machen. Verkehrssicherheit und Alleenschutz dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Geschwindigkeitsbegrenzungen, Schutzeinrichtungen und angepasste Straßenquerschnitte können dazu beitragen, bestehende Bäume zu erhalten.
Zum Tag der Allee fordert der BUND Brandenburg insbesondere:
- Eine verbindliche und jährlich veröffentlichte Alleenbilanz, die Fällungen, Pflanzungen und die Entwicklung des Bestands transparent dokumentiert.
- Deutlich mehr Neu- und Nachpflanzungen, mindestens im Verhältnis 1:1 zu den Verlusten, mit dem Ziel eines wachsenden Alleenbestands.
- Vorrang für den Erhalt bestehender Alleebäume bei Straßenbauvorhaben und die konsequente Umsetzung des gesetzlichen Alleenschutzes.
- Ausreichende finanzielle Mittel und langfristige Pflege, damit neu gepflanzte Bäume dauerhaft anwachsen und zu gesunden Alleen heranwachsen können.
Brandenburg trägt als alleenreichstes Bundesland eine besondere Verantwortung. Der BUND appelliert an die Landesregierung, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Denn wer die Alleen heute nicht schützt und erneuert, nimmt kommenden Generationen ein Stück Brandenburg.
Hintergrund:
Der bundesweite Tag der Allee wird jährlich am 20. Oktober begangen. Der BUND zeichnet an diesem Tag im Rahmen seines Fotowettbewerbs die „Allee des Jahres“ aus. Im Jahr 2026 steht der Wettbewerb unter dem Motto „Alleen bei Wind und Wetter“.
Alleen sind in Brandenburg gemäß § 17 Brandenburgisches Naturschutzausführungsgesetz (BbgNatSchAG) gesetzlich geschützt.
Quellen:
(1) Alleenstatistik Brandenburg: https://www.ls.brandenburg.de/ls/de/planen/umwelt/alleen/alleenstatistik/#
(2) Alleenkonzeption 2030: https://mil.brandenburg.de/sixcms/media.php/9/2024-05-27_Brosch%C3%BCre.pdf