Igel schützen heißt: Insekten schützen
Stand: 2. Juni 2026
Kurz gesagt Nachtfahrverbote für Mähroboter sind wichtig, weil sie Igel vor schweren Verletzungen schützen. Das Grundproblem liegt jedoch tiefer: In ausgeräumten, intensiv bewirtschafteten Landschaften verschwinden Insekten und andere bodennahe Wirbellose. Damit verliert der Igel seine wichtigste Nahrungsgrundlage. Wirksamer Igelschutz braucht deshalb weniger Pestizide, mehr Hecken, Säume und Brachen sowie naturnahe Gärten und Grünflächen. |
Die wichtigsten Punkte
Igel brauchen Beute | Igel ernähren sich vor allem von Insekten und anderen bodennahen Wirbellosen: Käfern, Raupen, Larven, Ohrwürmern, Regenwürmern, Schnecken, Spinnen und Tausendfüßern. |
Insekten gehen zurück | In Deutschland ist der Rückgang von Insekten und Arthropoden gut belegt. Damit schrumpft auch die Nahrungsbasis vieler Tiere, die von ihnen leben. |
Pestizide sind ein Kernproblem | In Agrarlandschaften gehören Pestizide, besonders Insektizide, zu den zentralen Ursachen des Rückgangs von Insekten und anderen Wirbellosen. |
Mähroboterfahrverbote sind nicht genug | Nachtfahrverbote schützen einzelne Tiere vor Verletzungen. Sie ersetzen aber keine Politik für Nahrung, Lebensräume und pestizidärmere Landschaften. |
1. Der Igel ist ein Tier lebendiger Landschaften
Der Braunbrustigel ist ein Wildtier, das vor allem nachts und in der Dämmerung unterwegs ist. Er braucht sichere Verstecke, Laub, Totholz, Hecken, Säume, unversiegelte Böden und miteinander verbundene Lebensräume. Genauso wichtig ist eine reichhaltige Nahrung.
Sein Speiseplan besteht überwiegend aus tierischer Beute: Käfer, Raupen, Larven, Ohrwürmer und andere Insekten, außerdem Regenwürmer, Schnecken, Spinnen, Asseln und Tausendfüßer. Kurz gesagt: Der Igel lebt von einer vielfältigen Welt am Boden. Wenn diese Welt verschwindet, verliert er seine Lebensgrundlage.
2. Warum ausgeräumte Agrarlandschaften für Igel arm werden
Viele Agrarlandschaften sind heute großflächig, strukturarm und intensiv bewirtschaftet. Hecken, Feldraine, Brachen, Altgrasinseln, feuchte Senken und ungespritzte Randstreifen fehlen vielerorts oder sind nur noch schmale Reste. Für Igel bedeutet das: weniger Deckung, weniger Nistplätze, weniger Winterquartiere und vor allem weniger Beutetiere.
Gerade strukturreiche Übergänge sind für Igel wichtig. Hecken, Säume, Feldränder, Gärten, Friedhöfe und Parks können Nahrung und Schutz bieten. Werden diese Bereiche kurz gehalten, häufig gemäht oder mit Pestiziden behandelt, verlieren sie ihren Wert als Lebensraum.
3. Insektenrückgang: Die Nahrungsgrundlage bricht weg
Der Rückgang von Insekten und anderen Arthropoden ist in Deutschland wissenschaftlich gut dokumentiert. Eine Langzeitstudie in deutschen Schutzgebieten zeigte einen Rückgang der fliegenden Insektenbiomasse um mehr als 75 Prozent über 27 Jahre. Eine weitere Untersuchung in deutschen Grünländern und Wäldern fand deutliche Rückgänge bei Biomasse, Anzahl und Artenzahl von Arthropoden.
Für den Igel ist das eine zentrale Entwicklung. Er braucht keine sterile, kurzgeschorene Fläche, sondern eine Landschaft, in der Käfer, Raupen, Larven und andere Wirbellose leben können. Wo diese Tiere fehlen, fehlt dem Igel die Nahrung.
4. Pestizide verschärfen das Problem
Pestizide sind in intensiv genutzten Agrarlandschaften ein Kernproblem für Insekten und andere Wirbellose. Insektizide töten Insekten direkt oder schwächen sie. Herbizide verringern Wildpflanzen und damit Blüten, Eiablageplätze, Nahrung und Deckung für viele Insekten. Fungizide und Wirkstoffmischungen können zusätzliche Belastungen schaffen.
Mehrere wissenschaftliche Studien zeigen negative Wirkungen von Pestiziden auf Schmetterlinge, Wildbienen, Laufkäfer und Gewässerinvertebraten. Auch in deutschen Schutzgebieten wurden Pestizidrückstände an Insekten beziehungsweise in Insektenfallen nachgewiesen. Das zeigt: Pestizide bleiben nicht einfach dort, wo sie ausgebracht werden. Sie erreichen die Lebensräume, in denen Insekten und ihre Fressfeinde überleben sollen.
Für Igel wirkt Pestizideinsatz vor allem indirekt: Er verringert die Beutetiere. Zusätzlich können Igel mit Rückständen in Kontakt kommen, weil sie am Boden unterwegs sind und belastete Beute fressen. Weniger Pestizide bedeuten deshalb mehr Nahrung, mehr Lebensraumqualität und bessere Überlebenschancen für Igel.
5. Mähroboter sind ein sichtbares aber nicht das Hauptproblem
Mähroboter und andere elektrische Gartengeräte können Igel schwer verletzen oder töten. Da Igel sich bei Gefahr einrollen, werden sie von Geräten nicht zuverlässig gemieden. Nacht- und Dämmerungspausen für Mähroboter sind deshalb richtig und notwendig.
Doch Mähroboter sind nicht das Hauptproblem des Bestandsschutzes. Ein Igel, der nicht verletzt wird, braucht dennoch Nahrung, Deckung und sichere Wege. Wenn die Landschaft keine Insekten, keine Säume, keine Hecken und keine wilden Ecken mehr bietet, hilft ihm auch ein sicherer Mähroboter allein nicht. Igelschutz darf deshalb nicht bei technischen Warnhinweisen enden.
Die einfache Formel Wer Igel schützen will, muss ihre Nahrung schützen. Wer ihre Nahrung schützen will, muss Insekten und andere Wirbellose schützen. Und wer Insekten schützen will, muss Pestizide reduzieren und Landschaften wieder strukturreicher machen. |
Was jetzt nötig ist
Igelschutz braucht praktische Maßnahmen in Gärten und Kommunen, aber auch politische Entscheidungen für eine pestizidärmere und strukturreichere Agrarlandschaft.
| In der Landwirtschaft | In Kommunen | In Gärten |
| • chemisch-synthetische Pestizide deutlich reduzieren | • öffentliche Grünflächen pestizidfrei pflegen | • auf Insektizide, Herbizide und Schneckenkorn verzichten |
| • Hecken, Feldraine, Brachen und Altgrasstreifen erhalten und neu schaffen | • Parks, Friedhöfe und Straßenränder abschnittsweise und später mähen | • Laub, Totholz, Reisighaufen und wilde Ecken zulassen |
| • breite ungespritzte Randstreifen und Pufferzonen einrichten | • Blühflächen und Säume dauerhaft statt nur kurzfristig anlegen | • heimische Pflanzen, Sträucher und unversiegelte Böden fördern |
| • kleinräumige, strukturreiche Landschaften fördern | • Zäune, Schächte und Barrieren igelfreundlich gestalten | • Mähroboter nachts und in der Dämmerung nicht fahren lassen |
Ausgewählte Quellen
Die folgenden Quellen liegen diesem Informationspapier zugrunde.
[1] Yalden 1976: The food of the hedgehog in England. https://rcin.org.pl/ibs/Content/10345/PDF/BI002_2613_Cz-40-2_Acta-T21-nr30-399-424_o.pdf
[2] Wroot 1984: Feeding ecology of the European hedgehog. https://ptes.org/hedgehog-papers/wroot-1984-hedgehog-foraging-europe/
[3] Haigh, Butler & O'Riordan 2012: Intra- and interhabitat differences in hedgehog distribution and potential prey availability. https://cora.ucc.ie/handle/10468/2491
[4] Hof & Bright 2010: The value of agri-environment schemes for macro-invertebrate feeders: hedgehogs on arable farms in Britain. https://hedgelink.org.uk/research/the-value-of-agri-environment-schemes-for-macro-invertebrate-feeders-hedgehogs-on-arable-farms-in-britain/
[5] Williams et al. 2018: Reduced occupancy of hedgehogs in rural England and Wales. https://www.nature.com/articles/s41598-018-30130-4
[6] Hallmann et al. 2017: More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0185809
[7] Seibold et al. 2019: Arthropod decline in grasslands and forests is associated with landscape-level drivers. https://www.nature.com/articles/s41586-019-1684-3
[8] Geiger et al. 2010: Persistent negative effects of pesticides on biodiversity and biological control potential on European farmland. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1439179109001388
[9] Woodcock et al. 2016: Impacts of neonicotinoid use on long-term population changes in wild bees in England. https://www.nature.com/articles/ncomms12459
[10] Beketov et al. 2013: Pesticides reduce regional biodiversity of stream invertebrates. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3704006/
[11] Brühl et al. 2021: Direct pesticide exposure of insects in nature conservation areas in Germany. https://www.nature.com/articles/s41598-021-03366-w
[12] Umweltbundesamt: Pflanzenschutzmittel schaden der Biodiversität. https://www.umweltbundesamt.de/themen/chemikalien/pflanzenschutzmittel/problematik-bei-zulassung-einsatz/pflanzenschutzmittel-schaden-der-biodiversitaet
[13] Leibniz-IZW 2024: Neue Forschung zu Schnittverletzungen bei Igeln durch Mähroboter. https://www.izw-berlin.de/de/pressemitteilung/neue-forschung-zu-schnittverletzungen-bei-igeln-durch-maehroboter-entdeckt-erhebliches-aber-loesbares-tier-und-artenschutzproblem.html