Die Lage der Natur

 

Wie ist der Zustand der Natur, der Arten, der Landschaft und des Wassers? Wir alle sind abhängig von der Natur. Nur durch die Leistungen des Naturhaushaltes können wir Menschen existieren, haben sauberes Wasser, saubere Luft und fruchbare Erde, um Landwirtschaft zu betreiben. Aber wie ist der Zustand der Natur in Brandenburg konkret? Das Wissen darüber ist sehr lückenhaft. Aus diesem Grund hat die Europäische Union angefangen Berichte von den Mitgliedsstaaten über den Zustand der Natur einzufordern. An dieser Stelle wollen wir diese Berichte verständlich und nachvollziehbar darstellen. Außerdem wollen die Berichte kommentieren und die nötigen Konsequenzen einfordern. Als erstes haben wir uns mit dem Zustand der Lebensraumtypen innerhalb der Flora-Fauna Habitat Richtlinie (FFH-Richtlinie) befasst.

Die Ergebinsse haben wir in diesem Hintergrundpapier vom 16.11.2016 zusammengestellt.

Ergebniszusammenfassung

Die vorliegende Analyse konzentriert sich nur auf einen Teilbereich des Problemkomplexes. Sie beschränkt sich zunächst lediglich auf Bereiche, die bereits als Schutzgebiete ausgewiesen wurden - ein Großteil der übrigen Landschaft, v.a. auch der Agrarlandschaft, ist hier nicht eingeschlossen. Außerdem wurden bei der Betrachtung die einzelnen Arten des FFH-Anhangs II nicht mit einbezogen. Es lassen sich aber – unabhängig von dem Blickwinkel dieser Analyse – auch bei der Erfassung der Gefährdungsursachen der Lebensräume im FFH-Monitoring mehrere Defizite ausmachen die ausgeglichen werden müssten, um ein vollständigeres Bild und Verständnis der aktuellen Lage zu bekommen:

Nicht erfasst sind bspw. Faktoren wie in der Landwirtschaft eingesetzte Pestizide und die daraus folgende Pestizidbelastung umliegender Lebensräume (bspw. durch Glyphosat). Zwar gibt es in der „Referenzliste der Einflüsse und Nutzungen“ von Natura 2000 eine entsprechende Kategorie (A07 – Einsatz von Bioziden, Hormonen und Chemikalien (Landwirtschaft)), diese wird aber nicht als Gefährdungsursache von LRT in Brandenburg genannt. Dabei dürfen jedoch bei der Betrachtung der direkten Auswirkungen nicht die indirekten Folgen (wie Bienensterben und daraus resultierende weitreichende Folgen für verschiedenste Ökosysteme) unter den Tisch fallen. 

In diesem Zusammenhang ist auch der Klimawandel zu nennen, der zweifellos nicht unbeträchtliche Auswirkungen hat. Diese zeigen sich nicht nur in der allgemeinen Erderwärmung, sondern in konkreten Folgen wie Veränderung des Wasserhaushaltes (z.B. Absenkung des Grundwasserspiegels, verminderte Niederschläge bzw. zeitliche Verschiebung der Niederschlagsmengen). Direkt spürbar ist er in Ernteausfällen der Bauern als Folge von zu trockenen Frühjahren und zu niederschlagreichen Sommern. Er kann zudem durch Veränderung der Temperatur- und Niederschlags-Regime ganze Ökosysteme tiefgehend verändern, indem er Verbreitungsgebiete (Areale) einzelner Arten, d. h. die realisierten Nischen dieser Arten, verschiebt.[1] Da der Klimawandel jedoch nicht den gleichen Einfluss auf alle in einer Biozönose (Lebensgemeinschaft) vorkommenden Arten hat, verschieben sich bestehende Biozönosen bei Klimaänderungen nicht einfach in andere Regionen, sondern es bilden sich völlig neue Lebensgemeinschaften heraus: Wandert eine Art aufgrund der bereits beschriebenen Einflussfaktoren ab, folgen nicht alle mit dieser Art in Verbindung stehende Arten. So reagieren manche Lebewesen erst mit Verzögerung auf Veränderungen oder sind aufgrund ihrer Lebensweise nicht in der Lage zu emigrieren. Das kann zu drastischen Folgen in Bezug auf Konkurrenz und Facilition (positive Beeinflussung von Arten untereinander) im Ausgangs- sowie im Zielareal führen.

Der Klimawandel kann somit als Schlüssel-Gefährdungsursache verschiedenster Arten und Lebensräume gelten. Seine Folgen sind spürbar und messbar (wie bspw. in der Absenkung des Grundwasserspiegels[2]) - er wird aber, zumindest in der Erfassung für Brandenburg, nicht als Gefährdungsursache erwähnt.[3]

Wie in diesem Bericht dargestellt, zeigt sich ein Besorgnis erregendes Bild, selbst wenn die oben genannten Faktoren außen vor gelassen werden. Abgesehen von lediglich einem einzigen befinden sich alle anderen brandenburgischen Lebensraumtypen in einem unzureichenden bis schlechten Zustand. Diese kritische Situation ist auf verschiedenste Gefährdungsursachen zurückzuführen – jedoch für alle diese Ursachen trägt der Mensch direkt oder indirekt die Verantwortung. Ein wirklich herber Schlag – auch mit Hinblick auf die aktuelle UN-Dekade der Biodiversität 2011-2020, die sich ausdrücklich zum Ziel gesetzt hat, den Verlust an Biodiversität deutlich einzudämmen.

Die Landwirtschaft, die Forstwirtschaft und veränderte hydrologische Bedingungen bzw. Ausbleiben von Feuer bedrohen die größte Anzahl an Lebensraumtypen. Erschreckend: In vielen Fällen sind besonders die LRT, auf die Brandenburg aufgrund ihres hiesigen Verbreitungsschwerpunktes besonders Acht geben sollte auch besonders stark bedroht. Im bundesweiten Vergleich ist Brandenburg noch schlechter als der Durchschnitt. Es besteht dringender Handlungsbedarf! 

Landwirtschaft: Wir brauchen ein ganzheitliches Konzept

Die Aufgabe der ursprünglichen Bewirtschaftungsformen (Beweidung und seltene, aber regelmäßige Mahd) auf der einen Seite und die Nutzungsintensivierung anderer Flächen in der modernen Landwirtschaft auf der anderen Seite, wirken sich doppelt negativ auf die Biodiversität aus: Lebensräume, die auf extensive Nutzung des Menschen angewiesen sind, werden liegen gelassen und fallen der Sukzession zum Opfer.

So verschwinden seltene, oft nährstoffarme und gleichzeitig sehr artenreiche Biotoptypen und mit ihnen viele Insekten, Vögel und andere Tiere, die auf diese speziellen Bedingungen angewiesen sind. Zusätzlich wirkt die intensive Landwirtschaft der Biodiversität aus der entgegengesetzten Richtung entgegen: durch Überbeanspruchung. Die Folge sind übernutzte Böden, eutrophierte (mit Nährstoffen aus Dünger angereicherte) umliegende Gewässer und Monokulturen, in denen Ackerwildkräuter und viele Insekten durch den Einsatz von  Pestiziden (Herbiziden und Insektiziden) nicht überleben können und sollen. Strukturreiche, heterogene Randstreifen, die eine wichtigen Rückzugsraum für viele Arten und sogenannte „Stepping Stones“ zwischen fragmentierten Habitaten darstellen können, verschwinden, um noch mehr landwirtschaftliche Produktionsfläche zu gewinnen. 

Ein wichtiger Ansatzpunkt ist in diesem Zusammenhang die Ausweisung von sogenannten „Ökologischen Vorrangflächen“ (ÖVF), also Flächen mit einem höheren ökologischen Wert als Ackerflächen, die sich durch ihre Struktur- und Artenvielfalt positiv auf die Biodiversität in Agrarlandschaften auswirken.[4] Dabei zeigt sich jedoch, dass oft die ökologisch wenig wertvollen (aber als ÖVF zulässigen) Zwischenfrüchte und Leguminosen angebaut werden [5]. Für Naturschutzziele sehr viel sinnvoller, aber scheinbar für die Landwirte nicht lohnenswert genug sind hingegen Brachen, Blühflächen oder Streifen.

Dieses Beispiel zeigt: Eine umfangreichere Förderung der aktuellen Strukturen aus verschiedensten Töpfen (wie die Direktzahlungen aus der ersten Säule der EU-Agrarförderung, aber auch Förderungen aus der zweiten Säule der EU-Agrarförderung) reicht hier nicht. Sie hatte in den vergangenen Jahren einen zu geringen Effekt um eine Trendumkehr bzgl. des Erhaltungszustandes der Agrarlandschafts-Lebensräume zu bewirken.[6]

Durch die Übernutzung werden zudem die für die Artenvielfalt so wichtigen Standortunterschiede (nass-trocken, nährstoffarm-nährstoffreich, basenreich-sauer, etc) weitgehend nivelliert, mit fatalen Folgen: in größtenteils homogenen Habitaten können viel weniger verschiedene Arten überleben als in Habitat-Mosaiken mit unterschiedlichen Bedingungen, in denen mal die eine, mal die andere Art einen Konkurrenz-Vorteil bzw. –Nachteil hat.

Die sich immer weiter ausdehnende Massentierhaltung tut in diesem Zusammenhang ihr Übriges: Nährstoffe in Form von Gülle werden in einer hohen Konzentration in einem kleinen Bereich produziert und anschließend auf die umliegenden Felder ausgebracht. Eutrophierung ist die Folge.

Auch werden in großem Stil Gebiete entwässert, um mehr Fläche für die landwirtschaftliche Produktion zu gewinnen. Diese Eingriffe wirken sich aber nicht nur in der unmittelbaren Umgebung aus, sondern haben Einfluss auf die hydrologischen bzw. hydraulischen Gegebenheiten der gesamten umliegenden Landschaft. Grundwasserentnahme zur Bewässerung der Felder greift zusätzlich in die natürlichen Bedingungen ein. Deutlich werden diese „Fernauswirkungen“ dann in anderen Bereichen wie bspw. in den „Abiotischen ökosystemaren Veränderungen“, in denen die Änderung der hydrologischen / hydraulischen Bedingungen  gleich in Form mehrerer Gefährdungsursachen auftauchen. Stark davon betroffen sind dann auch Feuchtgebiete, die zwar nicht direkt genutzt werden, die aber stark unter der veränderten Wasserverfügbarkeit leiden.

Eine Entzerrung und Entspannung dieser Lage kann nur dadurch erfolgen, dass die heutige Intensivierung gestoppt und umgedreht wird und die Flächen wieder umweltverträglicher genutzt werden. So könnten bspw. die heute in engen Ställen eingepferchten Masttiere tiergerecht an der frischen Luft gehalten werden und gleichzeitig für die fehlende Beweidung sorgen. Landwirtschaft muss ganzheitlich gedacht werden.

Das traurige Bild, dass ausgerechnet diejenigen Lebensraumtypen, die ihren EU-weiten Verbreitungsschwerpunkt in Brandenburg haben, gleich mehrfach und in einer hohen Intensität durch die aktuellen Bewirtschaftungsmethoden der Landwirtschaft bedroht werden, muss uns aufhorchen lassen!

Forstwirtschaft: Naturnahe Waldbewirtschaftung

Wie unsere Analyse zeigt, ist auch die Waldbewirtschaftung ein Nutzungszweig, der verbesserter Standards und umweltfreundlicherer Methoden bedarf, um die fortschreitende Degradation unserer Lebensräume umzukehren. Unsere Wälder sind nicht nur Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten, sondern bieten uns Raum zur Erholung. Insbesondere die vielfältigen Bodenlebewesen sind wichtige Helfer. Sie bieten viele verschiedene Dienstleistungen, bauen u.a. Schadstoffe im Boden ab und haben in der Vergangenheit zu der Entdeckung von wichtigen Antibiotika wie Penicillin in Bodenpilzen geführt. Solche Entdeckungen werden auch noch in Zukunft wichtig sein und können nur gemacht werden, wenn die Lebensräume vielfältig und intakt bleiben. Eine weitere wichtige Aufgabe unserer Wälder ist ihre  Kohlenstoffspeicher-Funktion. Ein degradierter Wald kann diese Aufgabe nur noch in abgeschwächter Form erfüllen, sodass der Klimawandel erneut angeheizt und oben beschriebene Auswirkungen verstärkt werden. Ein solcher Teufelskreis lässt sich nur durch effektiven Wald-Schutz verhindern.

Zentrale Maßnahmen müssen im Rahmen einer naturnäheren Bewirtschaftung erfolgen (Integration), die sich an der natürlichen Waldentwicklung orientiert und bspw. den Totholz-Anteil deutlich erhöht, während Eingriffe wie Ein- und Kahlschlag reduziert werden. Auch müssen noch mehr Totalreservate ausgewiesen werden, in denen keine Eingriffe durch den Menschen stattfinden, um im Sinne des Prozess-Schutzes wichtige Rückzugsräume für die Natur zu erhalten. 2007 hat die Bundesregierung die „Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt“ beschlossen, die den Flächenanteil der Wälder mit natürlicher Waldentwicklung in Deutschland bis 2020 auf 5 Prozent der Waldfläche ansteigen lassen will[7] - 2013 waren es gerade einmal 1.9 Prozent. [8] Betrachtet man den unermesslichen Wert unserer bereits stark bedrohten Biodiversität, muss jedem schnell klar werden, dass jetzt wirtschaftliche Interessen nachranging sein und unsere Priorität ganz klar auf dem Schutz der Natur liegen muss! 



[1]Natürlich immer im Zusammenspiel mit Ausbreitungshindernissen wie Bergen, Flüssen, Meeren etc., die Pflanze und an der weiteren Wanderung hindern können

[2]Die Absenkung des Grundwasserspiegels wurde in der Kategorie „Abiotische ökosystemare Veränderungen“ genannt, der Vollständigkeit halber ist zu erwähnen, dass sie neben dem menschengemachten Klimawandel andere anthropogene Ursachen wie z.B. die Begradigung von Flüssen haben kann.

[3] Obwohl es eine entsprechende Kategorie in der bereits weiter oben genannten Referenzliste gibt

[4] Landwirte müssen bei der Beantragung von Direktzahlungen aus der ersten Säule der EU-Agrarförderung seit 2014 auf 5 Prozent ihrer Flächen als ÖVF ausweisen.

[5] http://www.ifls.de/fileadmin/user_upload/Abbildungen/Projekte/Handbuch_OEVForsch/Handbuch_OEVForsch_mit_Merkblaettern.pdf

[6] https://www.bfn.de/0316_bericht2013.html

[7] http://www.biologischevielfalt.de/fileadmin/NBS/documents/broschuere_biolog_vielfalt_strategie_bf.pdf

[8] www.bund.net/fileadmin/bundnet/pdfs/naturschutz/20131015_BUND_Stellungnahme_zur_Bilanz_Naturwaelder_in_Deutschland.pdf



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