Antibiotika in der Tierhaltung in Brandenburg

Der Einsatz von Antibiotika ist bei Brandenburgs Tiermästern weit verbreitet. Das zeigen die nach dem Arzneimittelgesetz erhobenen Daten in den ersten drei Halbjahren. Die Datenlage ist jedoch lückenhaft, da die per Gesetz erhobenen Informationen nicht öffentlich zugänglich sind. Die Landesregierung stellte im Juni 2016 einige Daten für Brandenburg zur Verfügung. Über den Antibiotikaeinsatz in den Landkreisen gibt die Antwort der Landregierung auf eine Kleine Anfrage für den ersten Erhebungszeitraum im zweiten Halbjahr 2014 eine grobe Auskunft. Mehrere Landkreise verweigerten die Herausgabe von Daten in Antworten auf Kleine Anfragen in den Kreistagen (Uckermark, Barnim, Oder-Spree, Havelland). Von fünf Kreisen liegen dem BUND Brandenburg detaillierte Auskünfte vor (Märkisch-Oderland, Oberhavel, Potsdam-Mittelmark, Dahme-Spreewald und Prignitz). Die Antworten aus den Kreisen widersprechen jedoch in mehreren Fällen der Antwort der Landesregierung.

Die vorliegenden Daten zeichnen bereits ein besorgniserregendes Bild: Laut der verfügbaren Daten haben 285 Mastbetriebe* in Brandenburg (35 Prozent) im zweiten Halbjahr 2015 mehr Antibiotika eingesetzt als die Hälfte aller deutschen Betriebe (über "Kennzahl 1"). 152 von diesen (19 Prozent) lagen im bundesweiten Vergleich der Therapiehäufigkeiten sogar im obersten Viertel (über "Kennzahl 2"). 431 Betriebe machten keine Angabe. Ob diese Betriebe wirklich keine Antibiotika einsetzten oder ihrer Meldepflicht nicht nachgekommen sind, ist nicht zu ermitteln, da im Gesetz keine "Nullmeldungen" (Meldung, dass keine Antibiotika im Halbjahr verabreicht wurden) vorgesehen sind.

Dabei gibt es große Unterschiede zwischen den Masttierarten: 38 der 107 Ferkelmäster (35,5 Prozent) verabreichten ihren Tieren im zweiten Halbjahr 2015 mehr Antibiotika als drei Viertel der Betriebe in Deutschland (d. h. sie überschritten Kennzahl 2). Diese Betriebe sind laut Gesetz dazu verpflichtet einen schriftlichen Maßnahmenplan beim zuständigen Veterinäramt einzureichen, in dem sie darlegen müssen, wie sie ihren Verbrauch senken wollen. Sanktionen, wenn dies nicht eintritt, drohen jedoch kaum. Bei den Hühnermästern in der Mark lagen insgesamt sogar mehr als zwei Drittel der Betriebe über der Kennzahl 1 (29 von 42 Btrieben), ein Drittel über Kennzahl 2 (14 Betriebe). Auch bei den Mastputen setzten ein knappes Drittel der Betriebe sehr viele Antibiotika ein und lag über Kennzahl 2 (16 von 55 Betrieben). Die brandenburgischen Kälber- und Rindermäster standen deutlich besser da (11 Prozent und 15 Prozent der Betriebe über Kennzahl 2).

Tortendiagramme Antibiotikaeinsatz in Brandenburg


Insgesamt sind die Therapiehäufigkeiten in Brandenburg über die drei Erfassungszeiträume bei allen Tierarten gesunken, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Allerdings bewegen sie sich in Brandenburg und auch Deutschland bei einigen Tierarten nach wie vor auf sehr hohem Niveau. So lag die Kennzahl 2 im 2. Halbjahr 2015 bei Mastputen bundesweit bei 32,3 und in Brandenburg sogar bei 35,5. Das heißt, theoretisch könnte jede Pute im Betrieb an 35 Tagen im Halbjahr mit Antibiotika behandelt worden sein.

Hinter der vermeintlich positiven Entwicklung der sinkenden Therapiehäufigkeiten könnte sich zudem eine Katastrophe verbergen: So könnten Tiermäster verstärkt auf sogenannte Reserveantibiotika zurückgreifen, welche häufig schneller wirken. Da die Behandlungstage in die Berechnung der Therapiehäufigkeit eingehen, sinkt sie durch diesen Trick. Diese Wirkstoffe wurden jedoch von der WHO als "highest priority critically important", also als extrem wichtig in der Humanmedizin, eingestuft. Sie sollten so selten wie möglich eingesetzt werden, um ein letztes Mittel gegen multiresistente Keime zu bieten, bei denen viele herkömmliche Antibiotika schon nicht mehr wirken (z.B. MRSA oder ESBL-produzierende Keime).

In Brandenburg werden jährlich rund 150 MRSA-Infektionen nachgewiesen. Einer Bundesratsinitiative zum Verbot von Reserveantibiotika schloss sich Brandenburg jedoch nicht an. Hier wollte die Landesregierung wohl den brandenburgischen Tiermästern entgegenkommen. Zu der Vergabe von Reserveantibiotika in ganz Brandenburg und deren Entwicklung in den letzten zwei Jahren stehen bisher keinerlei Informationen zur Verfügung. Die entsprechenden Daten müssen dringend öffentlich gemacht werden, um ein gegebenenfalls schnelles Gegensteuern möglich zu machen.

Beim Vergleich der Landkreise, auf Grundlage der Daten aus der Anwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage, weisen die Landkreise Elbe-Elster, Prignitz und Märkisch-Oderland besonders viele Kennzahlüberschreitungen auf. Von 54 Tiermastbetrieben in Märkisch-Oderland setzte beispielsweise fast die Hälfte überdurchschnittlich viel Antibiotika ein. Besonders bedenklich: Im Landkreis Märkisch-Oderland, von wo detaillierte Daten vorliegen, wurden 461 Liter und 54 Kilogramm Reserveantibiotika eingesetzt. Der größte Anteil davon wurde in das Trinkwasser von Geflügel gegeben, also vermutlich vorsorglich einer größeren Gruppe von Tieren. Diese Art der Anwendung erhöht die Gefahr von Resistenzbildungen.

Der BUND fordert konkrete Reduktionsziele für Antibiotika und grundsätzliches Verbot von Reserveantibiotika in der Tierhaltung. Die Antibiotikagabe muss lückenlos dokumentiert und eine Einzeltierbehandlung bei Krankheiten durchgesetzt werden. Die Mindeststandards für die Tierhaltung und -zucht sind darüber hinaus so zu verbessern, dass Antibiotika entbehrlich sind. Die nach dem Arzneimittelgesetz erhobenen Informationen müssen der Öffentlichkeit landkreisgenau zugänglich gemacht werden.


* nur Betriebe mit durchschnittlich mehr als 20 Mastkälbern, 20 Mastrindern, 250 Mastferkeln, 250 Mastschweinen, 10000 Masthühnern oder 1000 Mastputen


Die gesamte Auswertung für das Land Brandenburg finden Sie in diesem Hintergrundpapier.

Pressemitteilung vom 1.6.2016: "Landesregierung vernachlässigt Blick auf Reserveantibiotika in der Tierhaltung"